Neues Deutschland 29.10.05
Gefährliches Mineralwasser
Ver.di-Podium: Behinderungen der Pressefreiheit kaum wahrgenommen 
 
Von Dieter Balle, Karlsruhe 
 
Eine zunehmende Tendenz hier zu Lande, kritisch berichtende Journalisten staatlicherseits zu behindern, konstatierten die Referenten einer Veranstaltung von ver.di am Donnerstagabend in Karlsruhe.


Die aktuell zu verzeichnende Häufung von Ermittlungsverfahren, das Entziehen von Arbeitsmitteln bis hin zum Zeitungsverbot werde in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Das ist das Fazit von Rechtsanwältin Brigitte Kiechle, gezogen in dieser Woche auf einer ver.di-Veranstaltung in Karlsruhe. Die Angriffe auf die Pressefreiheit seien gleichzeitig auch Angriffe auf die Informationsfreiheit der Bürger, die ihrerseits gefordert seien, sich dagegen zu wehren.
Vertreter von betroffenen Medien wie der von Noch-Innenminister Otto Schily verbotenen kurdischen Tageszeitung »Özgür Politika« stellten darüber hinaus ein nur geringes Interesse der Journalistenkollegen vor allem in den Mainstream-Medien an den Repressionsmaßnahmen fest.
Pressefreiheit sei auch immer dann in Gefahr, wenn Journalisten sich auf Agenturmeldungen beschränkten und Leser bewusstlos konsumierten, erklärte Gerhard Manthey von ver.di Baden-Württemberg. Im Falle »Özgür Politika« sei das Ziel der Polizeiaktion die vollständige »Vernichtung« der Zeitung gewesen, die seit zehn Jahren mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren in Deutschland erschienen war. Die Beamten hätten bei der Schließungsaktion der Zeitung nicht nur alle 40 Computer der Redaktion und alle Unterlagen, sondern auch sämtliches Mobiliar und selbst die Mineralwasser-Vorräte der Redaktion beschlagnahmt, so dass nur leere Redaktionszimmer zurückblieben, berichtete der Mitherausgeber und ehemalige Chefredakteur des Blattes, Cemal Ucar. Neben dem mentalen Schock der jetzt arbeitslosen 20 Journalisten und Mitarbeiter betrage der wirtschaftliche Schaden mehrere Hundertausend Euro. Eine Insolvenz des Verlages sei trotz der kürzlichen Aufhebung des Verbots nicht ausgeschlossen. Vergangene Woche hatte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig das Verbot der Zeitung aufgehoben, da keine ausreichende Rechtsgrundlage vorgelegen habe.
Ob jedoch die Zeitung zu Jahresbeginn 2006 wieder erscheinen kann, ist unklar. Ucar kündigte eine Schadenersatzklage gegen die deutschen Behörden an.
Der Münchener Journalist Nick Brauns, gegen den ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung mit Neonazis läuft, sprach von einer Racheaktion der Polizei. Die Vorwürfe von Delikten, die nichts mit der journalistischen Tätigkeit Brauns zu tun hätten, dienten in seinem Fall dazu, Schutzrechte auszuhebeln. Dem Staatsschutz gehe es darum, Ermittlungen anzustellen, um die Netzwerkstrukturen der Linken auszuforschen.
Ähnliche Erfahrungen musste auch Mag Wompel vom Internet-Netzwerk LabourNet.de machen, die die Linke dazu aufrief, Workshops zu veranstalten, um dem polizeilichen »Datenklau« künftig einen Riegel vorzuschieben.